Seit unserer Rückkunft aus Europa begleitet uns für die kommenden zwei Wochen unser Freund Tom. In der Zwischenzeit sind wir in Antiqua gelandet. Die Inseln der kleinen Antillen liegen wie an einer Perlenschnur aufgereiht und sind nie mehr als ein Segeltag voneinander entfernt. Dazu kommt, dass der Passatwind beständig weht und uns immer ein bay-to-bay Segelvergnügen beschert – für uns Ex-Mittelmeermotorer ein besonderes Vergnügen.
Vor einer guten Woche sind wir in Martinique gestartet und zur nächsten Insel – Dominica – nach Norden gesegelt. Dominica wurde letzten September vom Hurrikan Maria – Kategorie 5 – mitten ins Herz getroffen. Zwischenzeitlich geht die Infrastruktur wieder, doch alle Wälder, Ortschaften, Flusstäler und Straßen sind noch deutlich von der Katastrophe gezeichnet. Die Wälder wurden komplett entlaubt, nahezu alle Dächer abgedeckt, in den Flusstälern, die zum Teil dicht bebaut waren ganze Häuser einfach vom Geröll und Dreck überrollt. Wir können uns nur schlecht vorstellen, welches Drama sich da in wenigen Stunden ereignet hat. Und doch sind die Menschen optimistisch und stolz auf ihre schöne Insel.
Mit der Saphir liegen wir einige Tage an einer Boje im der Prince Ruppert Bay gut schützt im Nordwesten. Von da aus machen wir Ausflüge über die Insel. Sie ist trotz des Hurrikans von großer Wildheit und Schönheit. Die Berge sind hoch und steil und überall gibt es Wasserfälle die zum Baden einladen. Wir nehmen auch ein Bad in einer der heißen Schwefelquellen und gumpen durch eine enge, eingegrabene Bucht. Mit dem Boot und Führer, der uns rudert geht es hinauf den Indian River, einem wunderschönen Naturreservat durch den grünen Dschungel. Motoren ist nicht erlaubt. An der letzten Anlegestelle gibt es ‚Dynamite‘, was immer das ist. Jedenfalls ist Rum in einer nicht erinnerbaren Menge darin.

Am Morgen, bevor wir den Anker lichten noch ein Ereignis der dritten Art. Im Angesicht der Katastrophe rudert ein Kanu an uns vorbei, gefolgt von einem mittelgroßen Tenderboot mit 3×275 PS Motoren – zwei Mann an Bord zur Sicherheit für den Kanuten. Der Herr im Kanu (ein New Yorker Immobilientycoon) zieht seine Kreise durch die Bucht – sein Tender immer gut 20 m hinter ihm – und legt am Ende der Fitnessübung an seiner Yacht an.

Die Welt ist voller Gegensätze und unbegreiflich. Doch es kommt noch abstruser.
Wir segeln mit Hochgenuss nach Norden zur Insel Gouadeloupe bzw. zu den kleinen Vorinseln ‚Les Saints‘, die Kolumbus zu Allerheiligen im Jahre 1494 zum ersten Mal gesichtet und nach dem gleichnamigen Tag getauft hat. Im Strandrestaurant, die Füße im Sand, genießen wir die französische Karibik.
Weiter geht es nach Norden zum nächsten Ankerplatz, gar nicht weit von der Stelle an der Jacques Cousteaux seine berühmten Taucherfilme gedreht hat. Und manchmal holt uns das tropische Wetter ein – Sonnenschein und schöner Wind und dann ein Platzregen, der seinem Namen alle Ehre macht.
Gestern dann, nach unserer Ankunft in Falmouth Harbour/Antiqua der ultimative Beweis warum Karl Marx irgendwie doch recht hatte. Wir liegen gerade vor Anker und genießen unseren Apero als die ‚Garcon à ACE‘ an uns vorbeizieht und den Hafen verläßt. Die Garcon à ACE ist ein sogenanntes Support Vessel zu einer großen Yacht. Unter den Yachtbesitzern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Personal eigentlich nur zum Arbeiten auf der Eigentümeryacht sein sollte und sonst dort nichts zu suchen hat. Also gibt es die Support Vessel. Die ‚Garcon‘ ist 67 m lang, an Deck gibt es vier Schnellboote, die im Handumdrehen ins Wasser gelassen werden können und einen Helikopter – und Kabinen für das Personal. Die dazugehörige private Yacht, die ‚ACE‘ (Kaufpreis geschätzt 300-400 mio, maximale Gästeanzahl: 12) kann man mieten – für 1,65 US-$ … pro Sekunde. Das macht 1.000.000 US-$ pro Woche, allerdings fallen noch ein paar zu vernachlässigende Nebenkosten zusätzlich an. Der Besitzer ist ein durch Fracking reich gewordener amerikanischen Milliardär. Wir glauben, dass der Preis prohibitiv hoch ist…doch wer weiß das schon.
Und weil es so schön ist in Antiqua kommt auch noch die ‚M5‘ vorbei. Das ist mit 245 Fuß die längste private Slup (=Einmaster) der Welt, die im übrigen auch das größte je auf einem Segelschiff eingebaute Spa beherbergt.
Und weil es noch schöner ist in Antiqua schauen wir von unserer Bucht aus in der Dunkelheit in die Marina. Wir zählen 17 Masten mit roten Anker-Toplichtern. Rote Ankerlichter dürfen nur Segelyachten setzen deren Masthöhe 25 m plus beträgt. Die Länge der sich darunter befindlichen Schiffe können wir nur noch erahnen. Natürlich ist nicht nur das Top beleuchtet. Solche Yachten beleuchten ihren ganzen Mast. Daher ist unser Blick der gleiche wie jener in Ludwigshafen wenn man bei Nacht auf die BASF schaut. In jedem Fall ist Antiqua eine überzeugende karibische Antwort auf Porto Cervo in Sardinien.
Und ich werde wohl etwas mehr Karl Marx lesen. Er ist aktueller denn je.



Letzten Montagnachmittag verließen wir unsere Ankerbucht im Norden von Barbados und segelten hinein in die wohl anstrengendste Überfahrt seit wir mit der Saphir segeln. Der erste Squall kam bereits nach 10 Minuten und wir refften das Groß komplett weg und die Genua ins 2. Reff. Im weiteren Verlauf ließen wir das Groß generell weg. Wir hatten so viel Wind, dass die Genua mehr als ausreichte. Und dann kamen, nach Einbruch der Nacht die Squalls wie an einer Perlenkette.
Mal wieder waren wir bestens vorbereitet, eine gut gefüllte Gefriertruhe. In Anbetracht von ca. 300.000 Mal Hin-und-Her-Rollen wollten wir kochtechnisch nicht zu ehrgeizig sein und haben deshalb umfangreich vorgekocht. Im Übrigen gab es jeden Tag frische Sprossen aus unserer mehrstöckigen Sprossenfarm. Aus Konservendosen zu leben oder jeden Tag Spagetti mit Tomatensoße ist bekanntlich unsere Sache nicht. Unterwegs gab es also allerbestes Essen, leider ohne einen einzigen Tropfen Wein. Der ist während des Segelns tabu.


Wir haben die Hälfte der Strecke genau berechnet, exakt nach Längen- und Breitengrad, denn wegen der Umwege konnten wir nicht einfach die Wegstrecke halbieren. Ein rotes Kreuz auf unserem Navigationsmonitor. Gefeiert wurde das ‚Bergfest‘ mit Papa Negras, Avocadomuß, Iberico-Schinken (Rezept siehe früheren Block) und einer kleinen Flasche Bolli (Katrins Lieblingschampager Bollinger). Alles war im grünen Bereich und bis dato auch keine besondere Herausforderung.
Und dann kamen die Squalls. Das sind Regenschauer von größter Intensität bei wenig Sicht. Eine außer Rand und Band geratene Cumulus-Wolke, die zu viel Wasser geschluckt hat und abregnen muss. Das gefährliche an ihnen ist aber der Fallwind, der ihnen vorauseilt und bis zu 50 kn (= Sturmstärke) erreichen kann und häufig mit dramatisch schnellen Richtungsänderungen verbunden ist. Erst kommt ein kalter Wind (in der Regel von hinten) und man weiß in wenigen Minuten geht es los. Das gute ist, dass man mit Radar das alles gut vorhersehen und verfolgen kann. Insgesamt hatten wir Glück, denn wir konnten mit einfachen Squalls anfangen und die Technik einüben. Den ersten noch unter Motor, sicherheitshalber mit voll gerefften Segeln und die letzten professionell (Segel teilweise reffen, Autopilot auf Windsteuerung, dass er die Winddreher mitmacht, Niedergang dicht und runter in den Salon und warten bis alles vorbei ist). Der ganze Spuk ist meist nach 30-90 Minuten vorbei. Doch bei mehreren Squalls, leider meist bei Nacht, leidet die Schlafqualität. Auch die Freiwache hat dann Dienst.






Seither liegen wir in der Marina Santa Cruz. Um uns herum viele, die sich wie wir auf den Atlantik vorbereiten. Wir arbeiten seither Listen über Listen ab, hauptsächlich geht es um die Vorbereitungen für unsere Mahlzeiten auf dem Atlantik. Zwei Supermärkte haben einen Lieferservice ans Schiff. Das erleichtert die Logistik. Katrin hat sehr viele Gerichte bereits gekocht und eingefroren (Zwischenstand: 1xCurrygemüse, 3xGulasch, 6xBrot (selbstgebacken natürlich), 3x Gnocchi, 1xSauerbraten, 3xLinsen, 3xSpätzle, 3xLasagne,….). Es wird uns also sehr gut gehen, zumindest was das Essen betrifft.


