Maine‘s Schönheiten und UnWEGbarkeiten

Wenn man so will, sind wir am Ziel unserer Segelreise angekommen: der nördlichste Staat der USA an der Ostküste, Maine. Hier werden wir noch bis zur ersten Septemberwoche bleiben und dann geht es wieder zurück in den warmen Süden.

Das Wasser hat nur noch 13 Grad, also deutlich zu kalt zum Baden. Auf einer Wetter-App wird dringend vor dem Beach Hazzard gewarnt: „Ein Sprung ins kalte Wasser kann zum sofortigen Herzstillstand führen“. Wer hätte das gedacht…

Hier gedeihen die berühmten Maine-Lobster, Hummer von ansehnlicher Größe. Sie werden hier überall gefangen. Dazu wird ein Käfig mit einem Köder an einem Seil auf den Meeresboden abgesengt. Oben gibt es zwei Bojen, eine für das Tau in die Tiefe, eine zweite für das Fängertau. Beide sind der Schrecken aller Segler. Leicht verfängt sich eines der Taue im Propeller oder im Ruder. Wäre alles vielleicht halb so schlimm, aber die Buchten sind übersät mit Hunderten dieser ‚Lobsterpods‘. Undenkbar, hier bei Nacht zu segeln, schon tagsüber muss man höllisch aufpassen und Slalom fahren.

In jedem kleinen Hafen gibt es mindestens ein Lobster-Festival. Dann werden an einem Wochenende schnell mal 16 Tonnen verzehrt. Kaum zu glauben, dass es immer noch welche zum Fangen gibt.

Wir haben auch Bekanntschaft mit den ‚Deer Flies‘ gemacht – ganz fiese Fliegen. Sie sehen genauso unscheinbar aus wie unsere gewöhnliche Hausfliege, aber sie sind am Tag aktiv und saugen Blut. Wir hatten sie zu Hunderten selbst 50 km vom Festland entfernt auf See.

Und wenn die sich am Abend zu Ruhe begeben, dann kommen schon mal die Moskitos. Ein Besuch von Maine kann also durchaus zu hohem Blutverlust (auf beiden Seiten) führen.

Maine hat von allen US-Staaten die längste Küstenlinie. Hier ist alles voller kleiner, großer, bewohnter und unbewohnter Inseln. Es gibt eine Unzahl von wunderschönen Ankerplätzen. Das Wetter ist genial. Selten zieht eine Kaltfront durch, dann haben wir zwei Tage Regen und einen saukalten Wind, aber meist scheint die Sonne und heizt tagsüber auf 25-28 Grad. Die Nächte sind angenehm kühl und sorgen für einen guten Schlaf. Ab Mitte September ist die Saison vorbei und es kann dann bald Schneekalt werden. Aber dann sind wir wieder weg.

Hier gibt es mit dem Acadia National Park einen der ältesten Naturschutzgebiete der USA. Wir haben unsere Fahrräder aufgepumpt und sind durch die Wälder gefahren und – ein schönes ‚High‘light: Eine Wanderung auf den Mt. Cadillac, dem höchsten Berg mit über 1500 Fuß. Er heißt so, weil auch ganz viele Menschen mit eben diesen auch den Parkplatz auf dem Gipfel anfahren.

Ein herrlicher Blick über die Insellandschaft und, ganz winzig klein, liegt die Saphir vor Anker in der Frenchman Bay in Bar Harbor.

In den kalten Norden

Die Chesapeake Bay liegt hinter uns. Gluthitze, stehende Luft, viel motort, aber eine traumhafte Riesenbucht mit herrlichen Seitenarmen, geradezu ideal zum Ankern mitten in der Natur. Ganz im Norden der Chesapeake liegt Baltimore mit der Johns Hopkins Universität, an der Katrin studiert hatte. Klar, dass wir die Stadt, auch mit alten Studienfreunden, die noch dort sind erlebten.

Am Cape May zum Eingang der Delaware Bay warteten wir in der Marina bis die letzten Ausläufer des Hurrikans ‚Barry‘ über uns hinweggezogen sind. Es gab unglaublich heftige Gewitter und wir waren froh, dass wir uns nicht zum Weitersegeln entschlossen hatten und erst mal auf Gewitter freies Wetter warteten. Ganz im Gegensatz zu unseren Bekannten auf der ‚Andromeda Sol‘, einer südafrikanischen 43 Fuß Sloop. Vor der Delaware Bay hat sie der heftige Gewittersturm mit über 80 kn Wind erwischt.

Das Schiff wurde aufs Wasser gedrückt, der Mast gebrochen. Mit dem Winkelschneider konnte Peter alle Stahlseile (Wanten) kappen, die Reeling abschneiden und so den Mast mitsamt Segeln endgültig versenken, bevor er ein Loch in die Bordwand schlagen konnte. Jetzt liegen sie in einem sicheren Hafen und werden wohl die nächsten Monate damit verbringen, alles zu reparieren und sich mit der Versicherung rumzuschlagen.

Dann kam die nächste Nachricht von Bekannten auf der ‚Seatramp‘. Wir hatten sie in St. Martin (Karibik) in einem Supermarkt kennengelernt und am Abend den Sundowner zusammen auf der Saphir eingenommen. Sie sind in Panama, auf dem Weg von Colon (Eingang Kanal) zu den weiter südlich gelegenen St. Blas Inseln. Nach dem Ausfall des Motors mussten sie in einer einsamen Bucht ankern. Am Abend kamen 6 Banditen und überfielen sie, Pistole am Kopf, alles herausgezerrt und alle elektronischen Geräte weg. Wenigstens sind sie ohne körperliche Blessuren davon gekommen.

Auf der Saphir nehmen wir uns diese Vorkommnisse sehr zu Herzen und versuchen unsere Lehren daraus zu ziehen. Jedenfalls werden wir in Zukunft noch vorsichtiger sein, als wir es eh schon sind. Lieber einen Tag länger auf besseres Wetter warten bzw. niemals alleine ankern, wenn alle einschlägigen Informationsdienste dringend davon abraten. Wir sind froh, dass bisher noch nie etwas ernsthaftes passiert ist.

Daher war unsere 3-tägige Überfahrt von Cape May nach Cape Cod ein gemütliches, unaufgeregtes Segeln, wenn man mal von zeitweise eher zu wenig Wind (Geduld!) absieht.

Nach unserer Ankunft in Provincetown wurden wir mal wieder von einem heftigen Gewitter überrollt – viele Blitze pro Sekunde. Doch bei uns hielten sich die Windböen mit bis zu 35 Knoten in machbaren Grenzen. 15 km weiter südlich allerdings gab es deutlich mehr.

Glück gehört auch dazu. Wir genießen es in Demut.

Seit drei Tagen sind die Temperaturen so gefallen, dass wir nun nachts eine richtige Decke brauchen. Ich hatte auch schon einen Tag mit langer Hose, Pullover und…Socken. Daher erfreuen wir uns an unserem neuen Cockpitzelt (Kuchenbude). Es ist wie ein großes Wohnzimmmer, trocken und windstill.

Wer möchte kann uns auch auf Facebook verfolgen: ‚sailingsaphir‘

Wer hat die größte Rute?

Gestern sind wir am Cape May angekommen. Das liegt am Eingang der Delaware Bay am Atlantik. Nach den letzten Tagen in der Chesapeake und Delaware Bay schnuppern wir nun wieder Atlantikluft. Bis auf wenige Ausnahmen mussten wir wegen Windmangel sehr viel motoren. Nun hoffen wir auf gutes Wetter für unseren größeren Schlag nach Cape Cod und Maine.

Wir waren unter Motor in der Chesapeake unterwegs als wir eine langsame und stetige Zunahme von Vibrationen auf der Steuerbordseite der Saphir wahrnahmen. Helle Aufregung! Woher kommt das? Was ist das?

Wir checken den Motorraum, alles ok. Der Volvo läuft absolut rund. Der Schaft der Schraube läuft ebenso rund. Im Achterbadezimmer und in unserer L-Küche an Steuerbord ist es am lautesten – auch wenn wir die Ohren gegen die Bodenbretter halten.

Vielleicht ist etwas in die Schraube gekommen. Also Stop und volle Fahrt rückwärts. Die Vibration verschwindet. Wieder vorwärts, keine Vibration. Also alles gut? Nein, nachdem wir wieder auf Kurs sind vibriert wieder die Steuerbordseite. Wir spekulieren schon, dass die Saphir auf den Kran muss, da nimmt die Vibration wie von Geisterhand ab und hört endlich ganz auf.

Gut! Und endlich haben wir auch eine vernünftige Erklärung gefunden: Uns kam in einiger Entfernung ein Schlepper entgegen, der einen Leichter zog mit einer Unmenge Containern drauf. Der Schlepper hatte schwer zu schleppen und ließ seinen Motor entsprechend drehen. Im Wasser pflanzten sich seine Vibrationen bestens fort. Dieses Phänomen hatten wir noch ein paar Mal, aber dann ohne uns weiteren Stress zu verursachen.

Die Chesapeake Bay ist wunderschön, tolle Creeks mit Ankerplätzen, schöne Natur mit großen Laubbäumen – eigentlich. Das Wasser aber ist so grün und dreckig, dass wir auf keinen Fall baden wollten und es herrscht eine unglaubliche Hitze – wenn nicht gerade heftige Gewitterschauer vom Himmel fallen. Allein unser Wassermacher freut sich, denn der Salzgehalt ist sehr gering und wir können Wasser ohne großen Druck produzieren.

Cape May ist ein Mekka der Hochseefischer. Die „Game fishing Yachts“ sind von ansehnlicher Größe, meist vierstockig, mit starken Motoren (1000 PS, 12.000 Liter-Tanks, 15 Knoten Reisegeschwindigkeit und 700 Kilometern Reichweite, also 17 L/km)

Besonders beeindruckend sind die Stühle (sie heißen tatsächlich „Kampfsitz“) für den Sportfischer. Ein wenig erinnert er an einen Stuhl beim Urologen, aber schön gepolstert. Hier wird der Kampf Mann gegen Fisch ausgetragen. Hemingway hätte seine helle Freude – der Fisch eher weniger, denn er hat eigentlich keine Chance. Links und rechts eine Batterie von Halterungen für kleinere Angeln. An den Schiffseiten sind riesige Angeln angebracht, jede mit drei Schnüren bestückt. Keine Ahnung, wenn alle Schnüre draußen sind, wie sie das perfekte Schnurchaos vermeiden.

Als Köder dienen Thunfische und gefangen werden bis zu 400 kg große Marlin. Essbar sind diese nicht mehr, dafür werden sie ausgestopft und im Anglerclub an die Wand genagelt.

Rund Kap Hatteras Bugspriet gebrochen

Zwei Nächte haben wir gebraucht um vom Kap Lookout/Beaufort nach Deltaville/Chesapeake Bay zu segeln.

Die Windvorhersagen waren sehr gut. Kap Hatteras ist berühmt als Schiffsfriedhof des Atlantiks. Dort trifft der warme Golfstrom aus dem Süden auf den kalten Labradorstrom aus dem Norden. Das führt, insbesondere bei kräftigem Wind aus Norden sehr schnell zu bedrohlichen Verhältnissen. Vorhergesagt waren SW-Winde mit 10-15 Knoten – herrliches Segelwetter und beste Verhältnisse für die Rundung.

Tatsächlich waren die Winde anfangs eher schwach und wir mussten viel motoren. Doch als wir rum waren und nördliche Richtung segelten hatten wir schönen Wind aus Süden – und überhaupt keine Gewitter. Gerade richtig um unseren Blue Water Runner zu setzen.

Gesagt getan.

Herrlich wie das Leichtwindsegel die Saphir beschleunigte, wir waren sofort nahe unserer Rumpfgeschwindigkeit. Doch mein Kontrollgang änderte die Einschätzung der Situation schlagartig. Unser komplizierter Bugspriet, an dem das untere Ende des Segels befestigt ist war fast durchgebrochen und stand nach oben weg. Der Verlust des Segels hing am seidenen Faden. Schnell rollten wir das Segel ein. Allerdings nur noch zu etwa 3/4, dann knallte auch der letzte Rest des Edelstahlspriets durch und das Ende flog frei. Zu zweit kämpften wir mit aller Kraft, konnten wir es gerade noch einfangen und durch das vordere Luk in Sicherheit bringen.

Tatsächlich hat der Stahlschweißer in Ft. Lauderdale gepfuscht und den Spriet nicht korrekt gebogen. Wir hatten Glück, denn der Bruch hätte weitaus dramatischere Folgen gehabt wenn der Wind nur 2-3 Knoten kräftiger gewesen wäre. Jetzt sind (mal wieder 😢) Reparaturen geplant. Leider hat unser nagelneues Segel auch zwei Risse abbekommen.

Ansonsten genießen wir das herrliche Wetter und die nun kühlen Nächte in Deltaville – eine neue Erfahrung nach den tropischen Verhältnissen, die uns seit Trinidad begleiten.

Aber mit Baden ist wohl Schluss für die nächsten Monate. Hier ist es zwar noch warm, aber das Wasser sieht schrecklich grün aus und so gar nicht einladend.

Gute Menschen – schlechtes Wetter

Letzten Samstag, 22. Juni um 1.30 Uhr in der Nacht sind wir in Beaufort/North Carolina angekommen.

Ein- und Ausreisen aus den Ländern wird jetzt für einige Monate der Vergangenheit angehören. Bis fast Ende des Jahres wird die Saphir die Ostküste der USA besegeln.

Ausreisen aus den Bahamas geht ganz leicht: man segelt einfach weiter und schickt, sobald man im neuen Land angekommen ist einfach per Post die Papiere an das bahamische Zoll- und Einreiseministerium. Gut, dass wir das nicht gemacht haben!

Als wir Freitagnachmittags in Ft. Lauderdale ankamen sind wir sofort per Taxi (50$) zum Zoll und zur Immigrationbehörde gefahren. Die Amerikaner werden sehr pampig, wenn man das nicht macht. Dort geht die Unterhaltung so:

„Did you already register upon your arrival?“

„No, we just arrived and want to register here and now“

„You cannot register here. First you have to call this number: 0800…“

„We cannot call this number because we have non-US SIM Cards“

„Ok, you can register via the following app (NAME)“

„We have no internet connection yet, because we just arrived“

„I am sorry, but you have to register first, then we can proceed“

„But it is not possible to do that for us because we cannot call an 800-number in the US nor download an app since we have no internet connection. Can we use your WLAN?“

„Sorry, but we can not give you the access. Please register and please, step back from the window“

Das ging so noch eine ganze Zeit hin und her. Die Dame wollte uns einfach nicht helfen.

Doch es gibt auch die guten Menschen. Der ‚Kunde‘ hinter uns, ein Amerikaner, hat das alles mitgehört und bot uns dann an, sein Telefon zu benutzen. Das machten wir.

Wenn man diese Nummer anruft, ist es wie bei der Deutschen Telekom. Es ist eine peinliche Endloswarteschleife. Nach über 20 Minuten Warten hatten wir endlich diese Registriernummer. Und danach ging alles problemlos. Nur nochmals die gleichen Daten die wir telefonisch bereits durchgegeben haben jetzt der Dame mitteilen und wir hatten den Stempel im Pass.

Jetzt zum Zoll. Der hatte nun leider geschlossen und wir mussten wohl oder übel am folgenden Montag nochmals hin.

Montags nahmen wir die Fahrräder. Brüllende Hitze, komplizierter Weg, 6-spurige Straßen, breite und schnelle SUV für die Radfahrer Aliens sind.

Beim Zoll legen wir die Papiere vor: Registrierung und Versicherung. Der Herr ist sehr freundlich und fragt nach den bahamischen Papieren. Die haben wir nicht dabei. Sie sind auf der Saphir. Eigentlich wollten wir sie längst auf die Bahamas schicken…

Ufff, nochmals 40 Minuten mit dem Rad zur Saphir und wieder zurück. Das willst du nicht.

Doch es gibt auch die guten Menschen. Ein italienisches Seglerpaar bekommt die ganze Geschichte mit und bietet an uns mit ihrem Auto hin zu fahren. Wir nehmen an. Am Ende fahren sie für uns 1,5 Stunden durch die Gegend. Unglaublich! Die Frau sagt, dass sie vor einigen Jahren einen Skiunfall hatte und Hilfe von einer Person bekam, die sie weit zu einer Klinik fuhr. Diese Person damals wollte keine Entschädigung sondern bat die Seglerdame, dasselbe zu tun, wenn sie mal jemand anderes helfen kann. Wir haben das Prinzip sehr gerne übernommen und werden, wenn sich die Gelegenheit bietet dasselbe tun.

Wir sind also seit gut zwei Wochen offiziell in den USA, mit allen Stempeln und einem einjährigen Cruising Permit.

Doch seit wir in Ft. Lauderdale angekommen sind ist alles anders. Jeden Tag gibt es heftige Gewitter, mehrmals am Tag, mit massig Regen. Die Luft ist extrem warm und feucht -immer über 30° und 90%. Wie soll man da weiter segeln? Ein 22 m Metall-Mast auf hoher See ist die beste Methode Blitze einzufangen und die gesamte Elektronik lahmzulegen – oder sich ein großes Loch in den Rumpf zu brennen.

Wir verschieben unsere Abreise um einen Tag. Eine gute Entscheidung, denn die Gewitter waren sehr heftig. Doch irgendwann musst du los.

Anfangs ging es super. Der Golfstrom schenkte uns noch einige Knoten und wir machten gut Strecke, zeitweise waren wir mit bis zu 10 Knoten über Grund unterwegs.

Dann, am frühen Abend die erste Front. Ausweichen geht nicht, also am besten vierkant durch. Das dauert 20-30 Minuten wenn man ihr entgegenfährt. Vorher kommen Handfunke, SAT-Telefon, IPad mini und beide IPhones in den Dampfkochtopf, größere PC etc. in den Backofen.

Wenn die Front näher kommt, spürt man erst einen kalten Hauch und dann, innerhalb von Sekunden heult der Wind auf (meist auf über 40 kn) und er dreht um 90° im Uhrzeigersinn. Man ist also besser gut gerefft oder hat die Segel ganz unten.

Letztlich hatten wir auf dem Törn von Ft. Lauderdale nach Beaufort die ganze Zeit 20-30 kn Wind, ziemlich hohe Wellen und jeden Tag eine mächtige unausweichliche Gewitterfront. Essen fiel aus, man musste sich immer mit zwei Händen festhalten wenn man sich auf dem Schiff bewegen wollte. Pfirsiche, Bananen, Birnen, Chips, das ging.

Wir waren ziemlich froh als wir nach drei und einer halben Nacht hier ankamen und brauchten erstmal Erholung. Nochmals so ein Törn – nur wenn er sich unter gar keinen Umständen vermeiden lässt.

Jetzt haben wir Cape Hatteras vor uns. Die Umrundung dauert 50-60 Stunden. Dort stoßen der warme Golfstrom und der kalte Labradorstrom zusammen. Die Gegend wird auch der Schiffsfriedhof des Atlantik genannt, 6000 Wracks.

Diesmal werden wir das Wetterfenster sehr genau studieren und abwarten bis es sicher kommt.

Beaufort wurde zur schönsten amerikanischen Kleinstadt gewählt. Und in der Tat, hier kann man es gut ein paar Tage aushalten.

Bahamas bestechende Buchten

Nach den Turks & Caicos verließ uns der Wind. Die Bahamas erreichten wir unter Motor. Und das Wetter war überhaupt nicht mehr so wie bisher. Aber eins nach dem anderen!

Die erste Insel (eine von unzählig vielen) war Acklins Island im äußersten Südosten. Unsere erste Ankerbucht – ein Traum. Grünes Wasser mit Blick auf den Grund. So klar, dass man fast die weißen Sandkörner zählen kann. Kaum ist der Anker gefallen werden wir von zwei Fischern begrüßt. Mit ihnen sind wir schnell handelseinig und kaufen für unser Dinner einen schönen Fisch, frisch gefangen, frisch geputzt und frisch ausgenommen.

Bei dem Bad im 28° Wasser irritiert nur der neugierige Barrakuda und der Gitarrenhai (Hai klingt gut, aber tatsächlich ist es ein ungefährlicher Rochen), die sich beide unter der Saphir im Bootsschatten aufhalten.

Noch eine Fahrt mit der Sea Cow zum langen, einsamen Strand, ein schöner Spaziergang und dann den Fisch in den Backofen und Abendessen.

Dann kommt der Besuch, unangemeldet, in großer Zahl und sehr hungrig: eine wahre Armada von Moskitos. „Anti-Brumm forte“ versagt. Wir fliehen ins Schiffsinnere und verbarrikadieren alle Eingänge mit Fliegennetzen. Irgendwie hilft es nicht. Bis wir feststellen, dass sie durch die Deckslüfter den Weg nach innen finden. Also werden auch die geschlossen. Und dann beginnt auf beiden Seiten der Blutrausch. Mindestes 40 Stiche und mehr als das doppelte an toten Moskitos. Leider erwischen wir nicht alle, auch in der Nacht piesacken sie uns weiter.

Am nächsten Morgen schmieden wir die Abwehrstrategie. Wir ziehen ein großes Fliegennetz, das eigentlich für ein großes Bett gedacht ist über unser Cockpit – und glauben uns geschützt. Es hält das Abendessen durch, das wir mit zwei Seglern aus dem Nachbarschiff einnehmen. Es gibt Fidels (der Fischer) berühmten Conchsalad (Conch = Riesenmuschel) mit Kartoffeln. Doch am nächsten Morgen sind wieder mehr Moskitos innen als außen. Weiß der Himmel wie die reingekommen sind.

Gleich nach dem Gewitterschauer verlassen wir fluchtartig die Bucht.

Die Folgetage verbringen wir in sehr schönen Buchten, aber es gibt keinen Wind mehr zum Segeln und mindestens einmal am Tag zieht eine Gewitterfront durch, die den Wind mal eben auf 25 kn beschleunigt und es richtig regnen lässt. Meist haben wir Glück und erleben das vor Anker.

Seglerisch lernen wir nun Neues. Die Gewässer sind extrem flach und haben zudem 70-100cm Tide. Manche Buchten lassen sich sicher nur bei Hochwasser befahren. Dazu kommt eine alle gut 6 Stunden drehende Strömung, die Einfahrten/Passagen zwischen den kleinen Inseln durchaus aufregend gestalten kann.

Das heißt wir probieren segeltechnisch die Quadratur des Kreises: Gezeitenhöhe, Uhrzeit, Strömung, Windstärke, Windrichtung, Unwetter, Wassertiefe, alles muss passen.

Bis jetzt konnten wir noch aus jedem Kreis ein Quadrat machen. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Kreuzfahrers karibischer Ramsch

Die Fortsetzung unserer „Flucht aus der Karibik II“ bringt uns von Antigua zu der Insel Providenciales in den Turks & Caicos, einer weiteren britischen Kronkolonie (wie viele haben die eigentlich immer noch?), die wie alle von ihnen vom Offshore Finanzgeschäft, in der Regel mit zweifelhaftem Ruf, lebt.

Auf unserem Weg liegt zunächst die Insel Barbuda: wunderschön wie das Paradies mit schneeweißen Stränden und türkisblauem Wasser. Barbuda wurde von dem Hurrikan Irma (dem schlimmsten aller bisher gemessenen) völlig verwüstet und hat sich bis heute nicht davon erholt. Einzig ein Luxus-Club-Zeltdorf ( die Firma heißt „Love, Peace and happiness“) ist an der Südspitze entstanden. Es ist aber nur für Mitglieder, nichtmal eine Pina Colada an der dortigen Sunsetbar wird uns Segler gegönnt. Wir spekulieren über die Kosten einer Mitgliedschaft. Sie dürfte weit über dem Jahreseinkommen eines Arbeiters liegen.

Dann folgen Inseln, die allesamt von Kreuzfahrtschiffen angefahren werden: St. Kitts & Nevis, Sint Maarten/St. Martin. Es ist ein wahres Kreuz mit diesen Schiffen. Sie laufen in den frühen Morgenstunden mit dem Sonnenaufgang in die Häfen ein und verlassen sie wieder bei untergehender Sonne – eine Insel pro Tag für die Kreuzfahrer.

Diese verlassen nach dem Frühstück ihr schwimmendes Hotel und machen sich im Pulk zu hunderten und in der Saison zu tausenden im Hafenviertel breit. Erwartet werden sie in dazu zum Teil eigens aufgebauten Ramschläden. Dort finden sie Billigschmuck, Billiguhren, billige Elektrogeräte, billige Kleidung, Flip Flops, alles aus vietnamesisch-chinesisch-koreanischer Produktion und -und das kommt der einheimischen Tradition wenigstens ein bisschen nahe – Rum und Zigarren. Jeder Laden hat eine ein Kubikmeter große Musikbox vor der Türe, die in voller Lautstärke dröhnt. Es klingt mit 110 Dezibel wie auf dem Rummel, immer knapp unter der Schmerzgrenze.

Am Abend, oder auch an Tagen an denen kein Schiff anlegt bleiben die Läden überwiegend geschlossen.

Uns hat dieser Abschnitt der Karibik gar nicht gefallen und wir können jedem die schnelle Durchreise empfehlen.

Und dann kommen wir wieder in die Karibik wie wir sie aus den Prospekten kennen. Erst die britischen und dann die amerikanischen Jungferninseln. Die letzteren haben uns besonders gut gefallen. Es gibt wieder schöne Strände und traumhafte Buchten mit türkisblauem Wasser. Auf St. John, einer Privatinsel, die sich einst Rockefeller einverleibt hat machen wir eine große Wanderung durch die Berge. Der Kauf war eigentlich ein Glücksfall für die Insel, denn Rockefeller machte am Ende einen riesigen Naturpark aus ihr. Natürliche Fauna und Flora haben sich im Gegensatz zu den anderen Inseln erhalten.

Von dort machen wir einen großen Schlag über 3 Nächte auf See und insgesamt 490 Seemeilen (ca. 900 km) zu den Turks & Caicos Inseln. Wir haben traumhafte Segelbedingungen mit guten Winden zwischen 16 und 22 Knoten aus östlicher Richtung.

Es waren wohl die letzten verlässlichen Passatwinde. Denn, solange ich dies schreibe sitze ich zwischen den Turks & Caicos und den südöstlichen Bahamas im Cockpit der Saphir. Wir rollen bei Schwachwind mit 3-4 Knoten Schleichfahrt in einem wenig bewegten Ozean mit schlagenden Segeln hin und her. Dazu kommt, dass wir die direkte Route mangels Wind nicht mehr segeln können und einen größeren Umweg machen.

Nun, um 17.30 Uhr, ist der Wind fast ganz eingeschlafen. Wir haben noch 100 Meilen (180 km) vor uns. Motor an wird nichts mehr bringen, zu groß ist der Ozean. Wir werden vielleicht eine ganze Weile noch vor uns hindümpeln….

Heute ist Sonntag. Da gibt es traditionell Sauerbraten mit Spätzle und Kartoffelsalat. Das Dinner wird bestimmt nicht von dringenden Segelmanövern unterbrochen.