Wilhelm Busch hits the Rock

Wilhelm Busch sollte recht behalten: „Erstens kommt es anders zweitens als man denkt“. Genau das ist uns nun passiert.

In Galesville bei Annapolis am Nordende der Chesapeake Bay im Hartge Yacht Harbor sollte die Saphir gut vier Wochen warten bis wir unsere Geschäfte in DE und CH erledigt haben. Dann wollten wir Mitte November weiter über Bermuda zurück in die Karibik und ein paar Monate die großen Antillen besegeln. Erst lief alles nach Plan: Alles was wir vorbestellten wurde pünktlich geliefert und montiert: die neuen Davits (um am Heck unser Beiboot „SeaCow“ aufzuhängen), unser zerrissenes Riesenleichtwindsegel (siehe Blog vom 1.7.19 „Rund Cap Hatteras Bugspriet gebrochen“), das zweite 200 W Solarpanel, und auch die Deckwaschpumpe. Alles da, und der gebrochene Bugspriet sollte während unserer Abwesenheit geschweißt werden.

Klaus nutzte die Zeit um vor der Rückreise die Bilge, sozusagen den Keller, gründlich zu reinigen. Da kam die Überraschung Nummer eins, die kleinere. Denn ein Unglück kann auch in kleinen Schritten kommen. Direkt unter dem Boden unter dem Salon entdeckte er zwei Risse im Rumpf – häßlich in grau. Es war sofort klar: das ist ein Schaden der auf unseren Zusammenstoß mit einem Felsen bei guter Fahrt morgens um 4 Uhr in Grenada zurückzuführen ist (siehe Blog: 19.4.19 „Flucht aus der Karibik I“). Zwei Tage später nahmen wir die Saphir aus dem Wasser. Nun konnte man den Rumpf auch von außen begutachten. Der Bleikiel hatte eine arge Beule und einige Kratzer, aber das war nicht schlimm. Blei ist gegenüber Verformungskräften tolerant und gibt nach. Das ist dann nicht mehr ganz so schön, aber es kommt eh mehr auf das Gewicht an und das bleibt erhalten. Der Rest war augenscheinlich ok.

Diese Reparatur war einfach. Man musste nur den GFK Rumpf innen im Bereich der zwei Risse bis zu deren tiefstem Punkt abschleifen und das Ganze wieder mit Glasfasermatten und Epoxyharz auflaminieren. Wir konnten ruhig abreisen und die Arbeiten der Werft überlassen.

Fünf Tage später erreicht uns eine Email der Werft mit Fotos. Nachdem der Rumpf abgetrocknet war konnte man nun auch die Risse auf der Außenhaut der Saphir gut erkennen – genau da, wo der runde Rumpf in den Kiel übergeht, zogen sich von vorne bis hinten lange feine Risse. Das war jetzt richtig schlimm. Die Überraschung Nummer zwei, die größere, eigentlich eine Katastrophe.

Jetzt wurde klar, dass wir in Grenada doch nicht mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Klaus ist vor einer Woche wieder zur Saphir in die USA geflogen um die Reparaturarbeiten zu koordinieren und die Versicherung zu informieren.

Um es kurz zu machen: Die Saphir muss in eine Spezialwerkstatt. Dort wird außen der Rumpf solange abgefräst bis das Ende der Risse erreicht ist. Dann wieder auflaminiert und Gelcoat und Antifouling aufgetragen. Innen wird es komplizierter. Man weiß gar nicht wie groß der Schaden ist, denn man kann wegen der Einbauten nichts sehen. Also werden alle Möbel, Polster, Wasser- und Dieseltanks ausgebaut. Dann alles sorgfältig mit Folie abgeklebt und dann wie außen alles repariert. Ein irrer Aufwand – und weil Winter ist und die Hallenkapazitäten beschränkt sind, wird ein klimatisiertes Zelt um die Saphir gebaut. Das ganze dauert bis Februar im kommenden Jahr und kostet etwa soviel wie ein Automobil eines bekannten schwäbischen Oberklasse-Herstellers. Wir gehen aber davon aus, dass die Versicherung das übernimmt (doch bei dem Eigenanteil der verbleibt bekommt man trotzdem Brechreiz).

So also wird der Heimaturlaub von jetzt bis Februar verlängert. Man denkt es anders als es kommt.

Mit Greta in New York

Wir sind in Galesville in der Chesapeake Bay angekommen. Hier endet unsere Reise entlang der US-Ostküste bis hinauf nach Maine – und nun wieder zurück.

Der „East River“ verbindet den Long Island Sound mit der Upper Bay, die an der Südspitze von Manhattan liegt und wieder hinaus führt, in den offenen Atlantik. Dieser Fluss hat zwei Mündungen aber keine Quelle! Er fließt auf Grund der ewigen Gezeiten hin und her. Er erreicht bis zu 6 Knoten und hat sehr wechselnde Tiefen. Das macht es erforderlich, dass die Durchfahrt sehr genau geplant werden muss. Für ein Schiff wie die Saphir geht es nur mit der Strömung hindurch.

Was für ein großartiges Erlebnis auf Manhattan zuzusteuern. Auch wenn man schon weit herumgekommen ist, den East River mit dem Blick auf die nahen Hochhäuser von Manhattan hinabzufahren nimmt einem den Atem. Mehr Stadt geht nicht. Gleich nach der Brooklyn Brücke direkt gegenüber der Südspitze von Manhattan haben wir einen Platz in der Marina – eine Woche lang einen 24-Stunden Blick auf die Skyline.

Am 20. September ist Fridays for Future Demonstration. Greta Thunberg spricht. Sie ist mit dem Segelschiff nach New York gekommen. Das sind wir auch!

Angemeldet haben sich 5.000 Menschen. Am Ende sind es 250.000. Wir sind mitten dabei und demonstrieren mit.

Es ist lange her, dass ich auf einer politischen Demonstration gewesen bin. Was hier abgeht ist unbeschreiblich. Die Ernsthaftigkeit, die Leidenschaft, die Solidarität, das Engagement und nicht zuletzt das Organisationstalent dieser jungen Menschen bewegt uns zutiefst und macht Hoffnung.

„Liberty Enlightening the World“ – das ist der offizielle Name für die weltberühmte Freiheitsstatue. Wir verlassen New York und segeln gerade unter ihrem Schatten hinaus auf den Atlantik. Die Statue ist knapp 50 m hoch und steht auf einem ebenso hohen massiven Sockel. Und doch wirkt sie mickrig, verkümmert, einsam. Denn direkt gegenüber liegt der Finanzdistrikt von Manhattan. Das höchste Gebäude (World Trade Center) dort ist 11 Mal höher und die drumherum nicht viel weniger. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die in der Statue verkörperten Werte der Französischen Revolution auf der einen Seite, grenzenloser Kapitalismus und Profit in Form des neuen World Trade Centers auf der anderen, treffen hier auf engstem Raum zusammen. Was für eine Symbolik!

Mit einem schönen Wetterfenster und sehr günstigem Wind segeln wir in 36 Stunden den Atlantik hinab bis Cape May, weiter mit der Strömung den Delaware River hinauf und durch den Kanal in die Chesapeake Bay. Hier in Galesville gibt es einige Arbeiten an der Saphir. Wir bekommen endlich unsere Davits (Aufhängung für uns Dinghi), einen neuen Bugspriet und noch einiges mehr. Am 10. Oktober kommt die Saphir aus dem Wasser und wird an Land warten bis wir ab Mitte November weitersegeln werden.

Wer mehr Fotos sehen will: auf Facebook unter „Saphir Sailing“ und auf Instagram unter „#Saphirsailing“.

Chappaquiddick

Dorian haben wir bestens überstanden. Unser Anker lag auf 4-5 Meter, dazu hatten wir 50m Kette ausgefahren. Im Maximum gut 30 kn Wind konnten der Saphir gar nichts anhaben. Allerdings brauchten wir fast eine Stunde um die völlig verschlammte Kette wieder einzuholen und sie gleichzeitig mühsam zu waschen (Im Oktober werden wir eine Deckwaschpumpe installieren).

Letzten Sonntag sind wir bei herrlichem Wind nach Martha‘s Vineyard gesegelt. Als wir in die Bucht von Edgartown einliefen passierten wir den ‚Chappaquiddick Point‘.

Chappaquiddick….da war doch was. Ganz genau, am 18. Juli 1969, genau 2 Tage (US-Zeit) vor der Landung der ersten Menschen auf dem Mond verhinderte ein Ereignis, dass Edward ‚Ted‘ Kennedy jemals Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte. Bis heute ranken sich unzählige Theorien um die Vorkommnisse. Und weil derzeit Verschwörungstheorien so beliebt sind haben wir recherchiert, alle Indizien zusammengetragen und sind bereit unsere Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen. Wir brauchen nicht zu betonen, dass es sich nur so und nicht anders zugetragen hat.

An just jenem Abend fand auf der gleichnamigen Insel eine Party statt. Fünf Herren aus der Politik und fünf junge Damen wollten die gemeinsam errungenen Wahlsiege zusammen feiern. Einer der Herren war der 37-jährige Ted Kennedy, eine der Damen war die 28-jährige Wahlhelferin Marie Jo Kopechne (sprich: ‚Kopätschnie`). Die Namen der anderen wurden bis auf zwei der Herren nicht veröffentlicht. Jedenfalls fühlte sich Marie Jo gegen 22.30 unpässlich und wollte zurück ins Hotel. Kennedy, den sie angeblich vorher praktisch nicht kannte bot sich an sie zur Fähre zu fahren. Um 23.15 Uhr verließen sie gemeinsam die Party, allerdings ließ Marie Jo ihren Geldbeutel und ihren Hotelschlüssel zurück.

Anstatt zur Fähre zu fahren bog Kennedy an einer Einmündung „versehentlich“ rechts ab, einer Straße, die unbefestigt und unbeleuchtet in die der Fähre entgegengesetzte Richtung verläuft. Ein paar hundert Meter weiter ist das Auto über den Straßenrand hinausgeschossen, hat sich überschlagen und ist Kopfüber ins Wasser gerutscht. Kennedy konnte sich retten, aber der schlanken Marie Jo ist es nicht mehr gelungen sich zu befreien. Sie erlitt den tragischen Tod durch ertrinken. Kennedy gab an noch zwei oder dreimal getaucht zu haben, aber das Wasser war zu kalt und außerdem gab es starke Strömung. Er kehrte dann zur Party zurück um Hilfe zu holen. Nur zwei Herren haben seine Rückkunft bemerkt, beides Anwälte. Also, da kommt ein triefend nasser, wegen der Kälte wohl auch durch und durch schlotternder Mann auf eine Party und nur zwei Menschen bemerken ihn. Jedenfalls sind sie dann zu dritt zurück und haben nochmals versucht zu tauchen. Auf die Idee die Feuerwehr oder Polizei zu rufen kam keiner der Dreien. Weil ohne Erfolg sind dann alle nach Hause gegangen und haben erst am nächsten Morgen um 10.10 Uhr eine offizielle Meldung gemacht.

Dann gab es noch den Stellvertretenden Sheriff, der sagte, dass er das Auto um 00.40 Uhr, also eine gute Stunde nach dem die beiden die Party verlassen haben passierte und wenige Minuten später umgedreht ist, weil er dachte, dass sie vielleicht Hilfe brauchten. Da aber, war niemand mehr zu sehen.

Also, wie passt das alles zusammen? Kennedy und Kopechne sind nach verlassen der Party tatsächlich und bewusst falsch abgebogen. Dort, auf der einsamen unbeleuchteten Deichstraße hoffte Ted Kennedy in den Genuss dessen zu kommen wofür US-Präsidenten schon des Amtes enthoben werden sollten. Just in dem Moment, wo er die Unterhose auf der Höhe der Knöchel hatte fuhr der Sheriff an ihnen vorbei. Kennedy bekam Panik erkannt zu werden sprang aus dem Auto und Marie Jo schlüpfte hinters Lenkrad, beschleunigte ebenso in Panik, und schoss über den Straßenrand hinaus.

Unzählige Fragen sind bei den nachfolgenden Untersuchungen offen geblieben. Eigentlich konnte nichts wirklich aufgeklärt werden. Kennedy allerdings musste seinen Führerschein für zwei Monate abgeben.

Übrigens, wer derzeit auf der Suche nach einer schönen Immobilie ist, wird hier in der Gegend fündig. Das Häuschen von Jaqueline Kennedy Onassis steht zum Verkauf. Der Preis ist ein wahres Schnäppchen: 65.000.000 US-Dollar.

Dorian

Viele werden sich gefragt haben in wie weit der große Hurrikan Dorian auch uns betrifft.

Wir haben uns entschieden etwas gemächlicher nach Süden zu segeln. Dorian kommt uns entgegen. Wir erwarten ihn am Samstagabend.

Derzeit sind wir in Boston. Aber morgen segeln wir in die Cap Cod Bay und dann noch durch den kurzen Kanal, der zum Long Island Sound führt. Dort gibt es eine tief ins Land eingeschnittene Bucht (Onsett Bay). Dort hoffen wir, dass wir einen sicheren Ankerplatz finden werden. Wir haben viel Vertrauen in unseren eigenen Anker, der sollte die 25-35 kn Wind über ein paar Stunden locker aushalten. Aber man hört immer wieder Geschichten, wie sich auf anderen Booten die Anker gelöst haben und die Schiffe frei durch das Ankerfeld getrieben sind.

Also alles im „grünen“ Bereich!

Börtschi-Alarm

Seit einigen Monaten sind wir Mitglied im OCC (Ocean Cruising Club). Das kann man werden, wenn man mindestens 1.000 Seemeilen im offenen Ozean ohne Zwischenstopp gesegelt ist. Uns ist das bei der Überfahrt von den Kap Verden nach Barbados im Januar 2018 gelungen. Mitglieder sind also in der Regel erfahrene Segler.

Das tolle an diesem Club sind die wahrhaft aktiven Mitglieder. Alle haben ihren Burgee, einen Dreieckswimpel in blau-gelb mit Fliegendem Fisch unter der Saling wehen – wir also auch. Seither herrscht bei uns immer wieder ‚Börtschi-Alarm‘, wenn wir irgendwo vor Anker liegen. Dann kommt ein Dinghi mit 2 Personen an Bord direkt auf die Saphir zugefahren und es entspinnt sich folgender Dialog:

„Hello, we saw your burgee. Just came by to say hello to our fellow cruisers.“

„Oh, this is very kind. Are you also sailing North to Maine?“

„Yes, we do. Where are you coming from?“

Das geht dann eine ganze Weile hinundher und man erfährt, dass die zwei Dinghi-Sitzer schon um die ganze Welt gesegelt sind. Es gibt Tipps zu Neuseeland, Cocos Keeling, Alaska und einfach zu allem. Meist endet die Konversation so:

„Why don‘t you come over to Saphir for a sundowner later in the afternoon?“

Und dann trifft man sich später im Cockpit und erzählt bei einem oder zwei Gläsern Wein von den großen Segelabenteuern, unzähligen Ankergeschichten (die ich eigentlich mal sammeln sollte) und genießt die schöne Stimmung und den knallroten Sonnenuntergang.

In Camden gab es eine große Zusammenkunft von 140 Börtschi-Trägern – Vortrag, Essen, Socialising. Und in den 4 Folgetagen waren wir mit einer Flotte von über 30 Schiffen durch die Maine‘schen Inseln unterwegs. Super interessant und jeden Abend ‚socialising‘ auf Schiffen, die zusammengebunden vor Anker liegen oder am Strand. Es ist üblich, dass man dann etwas zu essen und zu trinken und vor allem seine eigenen Gläser mitbringt.

Als wir noch vor der Zusammenkunft in den kleinen Hafen von Camden einfuhren und am Dock für Diesel und Wasser anlegten um unsere Vorräte wieder aufzufüllen kommt mal wieder ein Dinghi auf uns zu. Es ist genau das gleiche wie unseres: Highfield mit dem E-Motor von Torqeedo. Es ist ein älteres Ehepaar. Sie freuen sich richtig die Saphir zu sehen, denn bis vor 5 Jahren sind sie auch auf einer Hallberg 42 Flushdeck (=legendäres Schiff) um die Welt gesegelt. Doch heute sagen sie, seien sie zu alt zum Segeln und sind jetzt mit einem 40 Fuß American Tug Motorboot unterwegs – ein schwerer schwimmender Wohnwagen mit reichlich Comfort. Später sind wir zufällig am selben Floating Dock und wir kommen länger ins Gespräch. Um die Geschichte kurz zu machen: Sie haben ihre Hallberg 42 gekauft als beide in Rente gingen und haben sie dann 35 Jahre gesegelt. Herb wird im Oktober 102 Jahre alt und Ruth 93. Sie haben es sich nicht nehmen lassen an Bord zu kommen, über das Mittelcockpit den Niedergang runter und rauf zu klettern, alles genau zu inspizieren und die Unterschiede zwischen unseren Hallbergs zu beschreiben.

Wer weiß, wie eng und steil es auf einem Segelschiff zugeht kann den Respekt vor dem hohen Alter, das wir empfunden haben leicht nachvollziehen.

Seit wenigen Tagen segeln wir wieder nach Süden. Unsere nächsten größeren Stopps sind Martha‘s Wineyard, Boston und New York. Freunde, die schon weiter südlich sind freuen sich über kurze Hosen und Badetemperaturen – ein deutlicher Unterschied zu dem Wetter in Maine.

Maine‘s Schönheiten und UnWEGbarkeiten

Wenn man so will, sind wir am Ziel unserer Segelreise angekommen: der nördlichste Staat der USA an der Ostküste, Maine. Hier werden wir noch bis zur ersten Septemberwoche bleiben und dann geht es wieder zurück in den warmen Süden.

Das Wasser hat nur noch 13 Grad, also deutlich zu kalt zum Baden. Auf einer Wetter-App wird dringend vor dem Beach Hazzard gewarnt: „Ein Sprung ins kalte Wasser kann zum sofortigen Herzstillstand führen“. Wer hätte das gedacht…

Hier gedeihen die berühmten Maine-Lobster, Hummer von ansehnlicher Größe. Sie werden hier überall gefangen. Dazu wird ein Käfig mit einem Köder an einem Seil auf den Meeresboden abgesengt. Oben gibt es zwei Bojen, eine für das Tau in die Tiefe, eine zweite für das Fängertau. Beide sind der Schrecken aller Segler. Leicht verfängt sich eines der Taue im Propeller oder im Ruder. Wäre alles vielleicht halb so schlimm, aber die Buchten sind übersät mit Hunderten dieser ‚Lobsterpods‘. Undenkbar, hier bei Nacht zu segeln, schon tagsüber muss man höllisch aufpassen und Slalom fahren.

In jedem kleinen Hafen gibt es mindestens ein Lobster-Festival. Dann werden an einem Wochenende schnell mal 16 Tonnen verzehrt. Kaum zu glauben, dass es immer noch welche zum Fangen gibt.

Wir haben auch Bekanntschaft mit den ‚Deer Flies‘ gemacht – ganz fiese Fliegen. Sie sehen genauso unscheinbar aus wie unsere gewöhnliche Hausfliege, aber sie sind am Tag aktiv und saugen Blut. Wir hatten sie zu Hunderten selbst 50 km vom Festland entfernt auf See.

Und wenn die sich am Abend zu Ruhe begeben, dann kommen schon mal die Moskitos. Ein Besuch von Maine kann also durchaus zu hohem Blutverlust (auf beiden Seiten) führen.

Maine hat von allen US-Staaten die längste Küstenlinie. Hier ist alles voller kleiner, großer, bewohnter und unbewohnter Inseln. Es gibt eine Unzahl von wunderschönen Ankerplätzen. Das Wetter ist genial. Selten zieht eine Kaltfront durch, dann haben wir zwei Tage Regen und einen saukalten Wind, aber meist scheint die Sonne und heizt tagsüber auf 25-28 Grad. Die Nächte sind angenehm kühl und sorgen für einen guten Schlaf. Ab Mitte September ist die Saison vorbei und es kann dann bald Schneekalt werden. Aber dann sind wir wieder weg.

Hier gibt es mit dem Acadia National Park einen der ältesten Naturschutzgebiete der USA. Wir haben unsere Fahrräder aufgepumpt und sind durch die Wälder gefahren und – ein schönes ‚High‘light: Eine Wanderung auf den Mt. Cadillac, dem höchsten Berg mit über 1500 Fuß. Er heißt so, weil auch ganz viele Menschen mit eben diesen auch den Parkplatz auf dem Gipfel anfahren.

Ein herrlicher Blick über die Insellandschaft und, ganz winzig klein, liegt die Saphir vor Anker in der Frenchman Bay in Bar Harbor.

In den kalten Norden

Die Chesapeake Bay liegt hinter uns. Gluthitze, stehende Luft, viel motort, aber eine traumhafte Riesenbucht mit herrlichen Seitenarmen, geradezu ideal zum Ankern mitten in der Natur. Ganz im Norden der Chesapeake liegt Baltimore mit der Johns Hopkins Universität, an der Katrin studiert hatte. Klar, dass wir die Stadt, auch mit alten Studienfreunden, die noch dort sind erlebten.

Am Cape May zum Eingang der Delaware Bay warteten wir in der Marina bis die letzten Ausläufer des Hurrikans ‚Barry‘ über uns hinweggezogen sind. Es gab unglaublich heftige Gewitter und wir waren froh, dass wir uns nicht zum Weitersegeln entschlossen hatten und erst mal auf Gewitter freies Wetter warteten. Ganz im Gegensatz zu unseren Bekannten auf der ‚Andromeda Sol‘, einer südafrikanischen 43 Fuß Sloop. Vor der Delaware Bay hat sie der heftige Gewittersturm mit über 80 kn Wind erwischt.

Das Schiff wurde aufs Wasser gedrückt, der Mast gebrochen. Mit dem Winkelschneider konnte Peter alle Stahlseile (Wanten) kappen, die Reeling abschneiden und so den Mast mitsamt Segeln endgültig versenken, bevor er ein Loch in die Bordwand schlagen konnte. Jetzt liegen sie in einem sicheren Hafen und werden wohl die nächsten Monate damit verbringen, alles zu reparieren und sich mit der Versicherung rumzuschlagen.

Dann kam die nächste Nachricht von Bekannten auf der ‚Seatramp‘. Wir hatten sie in St. Martin (Karibik) in einem Supermarkt kennengelernt und am Abend den Sundowner zusammen auf der Saphir eingenommen. Sie sind in Panama, auf dem Weg von Colon (Eingang Kanal) zu den weiter südlich gelegenen St. Blas Inseln. Nach dem Ausfall des Motors mussten sie in einer einsamen Bucht ankern. Am Abend kamen 6 Banditen und überfielen sie, Pistole am Kopf, alles herausgezerrt und alle elektronischen Geräte weg. Wenigstens sind sie ohne körperliche Blessuren davon gekommen.

Auf der Saphir nehmen wir uns diese Vorkommnisse sehr zu Herzen und versuchen unsere Lehren daraus zu ziehen. Jedenfalls werden wir in Zukunft noch vorsichtiger sein, als wir es eh schon sind. Lieber einen Tag länger auf besseres Wetter warten bzw. niemals alleine ankern, wenn alle einschlägigen Informationsdienste dringend davon abraten. Wir sind froh, dass bisher noch nie etwas ernsthaftes passiert ist.

Daher war unsere 3-tägige Überfahrt von Cape May nach Cape Cod ein gemütliches, unaufgeregtes Segeln, wenn man mal von zeitweise eher zu wenig Wind (Geduld!) absieht.

Nach unserer Ankunft in Provincetown wurden wir mal wieder von einem heftigen Gewitter überrollt – viele Blitze pro Sekunde. Doch bei uns hielten sich die Windböen mit bis zu 35 Knoten in machbaren Grenzen. 15 km weiter südlich allerdings gab es deutlich mehr.

Glück gehört auch dazu. Wir genießen es in Demut.

Seit drei Tagen sind die Temperaturen so gefallen, dass wir nun nachts eine richtige Decke brauchen. Ich hatte auch schon einen Tag mit langer Hose, Pullover und…Socken. Daher erfreuen wir uns an unserem neuen Cockpitzelt (Kuchenbude). Es ist wie ein großes Wohnzimmmer, trocken und windstill.

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Wer hat die größte Rute?

Gestern sind wir am Cape May angekommen. Das liegt am Eingang der Delaware Bay am Atlantik. Nach den letzten Tagen in der Chesapeake und Delaware Bay schnuppern wir nun wieder Atlantikluft. Bis auf wenige Ausnahmen mussten wir wegen Windmangel sehr viel motoren. Nun hoffen wir auf gutes Wetter für unseren größeren Schlag nach Cape Cod und Maine.

Wir waren unter Motor in der Chesapeake unterwegs als wir eine langsame und stetige Zunahme von Vibrationen auf der Steuerbordseite der Saphir wahrnahmen. Helle Aufregung! Woher kommt das? Was ist das?

Wir checken den Motorraum, alles ok. Der Volvo läuft absolut rund. Der Schaft der Schraube läuft ebenso rund. Im Achterbadezimmer und in unserer L-Küche an Steuerbord ist es am lautesten – auch wenn wir die Ohren gegen die Bodenbretter halten.

Vielleicht ist etwas in die Schraube gekommen. Also Stop und volle Fahrt rückwärts. Die Vibration verschwindet. Wieder vorwärts, keine Vibration. Also alles gut? Nein, nachdem wir wieder auf Kurs sind vibriert wieder die Steuerbordseite. Wir spekulieren schon, dass die Saphir auf den Kran muss, da nimmt die Vibration wie von Geisterhand ab und hört endlich ganz auf.

Gut! Und endlich haben wir auch eine vernünftige Erklärung gefunden: Uns kam in einiger Entfernung ein Schlepper entgegen, der einen Leichter zog mit einer Unmenge Containern drauf. Der Schlepper hatte schwer zu schleppen und ließ seinen Motor entsprechend drehen. Im Wasser pflanzten sich seine Vibrationen bestens fort. Dieses Phänomen hatten wir noch ein paar Mal, aber dann ohne uns weiteren Stress zu verursachen.

Die Chesapeake Bay ist wunderschön, tolle Creeks mit Ankerplätzen, schöne Natur mit großen Laubbäumen – eigentlich. Das Wasser aber ist so grün und dreckig, dass wir auf keinen Fall baden wollten und es herrscht eine unglaubliche Hitze – wenn nicht gerade heftige Gewitterschauer vom Himmel fallen. Allein unser Wassermacher freut sich, denn der Salzgehalt ist sehr gering und wir können Wasser ohne großen Druck produzieren.

Cape May ist ein Mekka der Hochseefischer. Die „Game fishing Yachts“ sind von ansehnlicher Größe, meist vierstockig, mit starken Motoren (1000 PS, 12.000 Liter-Tanks, 15 Knoten Reisegeschwindigkeit und 700 Kilometern Reichweite, also 17 L/km)

Besonders beeindruckend sind die Stühle (sie heißen tatsächlich „Kampfsitz“) für den Sportfischer. Ein wenig erinnert er an einen Stuhl beim Urologen, aber schön gepolstert. Hier wird der Kampf Mann gegen Fisch ausgetragen. Hemingway hätte seine helle Freude – der Fisch eher weniger, denn er hat eigentlich keine Chance. Links und rechts eine Batterie von Halterungen für kleinere Angeln. An den Schiffseiten sind riesige Angeln angebracht, jede mit drei Schnüren bestückt. Keine Ahnung, wenn alle Schnüre draußen sind, wie sie das perfekte Schnurchaos vermeiden.

Als Köder dienen Thunfische und gefangen werden bis zu 400 kg große Marlin. Essbar sind diese nicht mehr, dafür werden sie ausgestopft und im Anglerclub an die Wand genagelt.

Rund Kap Hatteras Bugspriet gebrochen

Zwei Nächte haben wir gebraucht um vom Kap Lookout/Beaufort nach Deltaville/Chesapeake Bay zu segeln.

Die Windvorhersagen waren sehr gut. Kap Hatteras ist berühmt als Schiffsfriedhof des Atlantiks. Dort trifft der warme Golfstrom aus dem Süden auf den kalten Labradorstrom aus dem Norden. Das führt, insbesondere bei kräftigem Wind aus Norden sehr schnell zu bedrohlichen Verhältnissen. Vorhergesagt waren SW-Winde mit 10-15 Knoten – herrliches Segelwetter und beste Verhältnisse für die Rundung.

Tatsächlich waren die Winde anfangs eher schwach und wir mussten viel motoren. Doch als wir rum waren und nördliche Richtung segelten hatten wir schönen Wind aus Süden – und überhaupt keine Gewitter. Gerade richtig um unseren Blue Water Runner zu setzen.

Gesagt getan.

Herrlich wie das Leichtwindsegel die Saphir beschleunigte, wir waren sofort nahe unserer Rumpfgeschwindigkeit. Doch mein Kontrollgang änderte die Einschätzung der Situation schlagartig. Unser komplizierter Bugspriet, an dem das untere Ende des Segels befestigt ist war fast durchgebrochen und stand nach oben weg. Der Verlust des Segels hing am seidenen Faden. Schnell rollten wir das Segel ein. Allerdings nur noch zu etwa 3/4, dann knallte auch der letzte Rest des Edelstahlspriets durch und das Ende flog frei. Zu zweit kämpften wir mit aller Kraft, konnten wir es gerade noch einfangen und durch das vordere Luk in Sicherheit bringen.

Tatsächlich hat der Stahlschweißer in Ft. Lauderdale gepfuscht und den Spriet nicht korrekt gebogen. Wir hatten Glück, denn der Bruch hätte weitaus dramatischere Folgen gehabt wenn der Wind nur 2-3 Knoten kräftiger gewesen wäre. Jetzt sind (mal wieder 😢) Reparaturen geplant. Leider hat unser nagelneues Segel auch zwei Risse abbekommen.

Ansonsten genießen wir das herrliche Wetter und die nun kühlen Nächte in Deltaville – eine neue Erfahrung nach den tropischen Verhältnissen, die uns seit Trinidad begleiten.

Aber mit Baden ist wohl Schluss für die nächsten Monate. Hier ist es zwar noch warm, aber das Wasser sieht schrecklich grün aus und so gar nicht einladend.

Gute Menschen – schlechtes Wetter

Letzten Samstag, 22. Juni um 1.30 Uhr in der Nacht sind wir in Beaufort/North Carolina angekommen.

Ein- und Ausreisen aus den Ländern wird jetzt für einige Monate der Vergangenheit angehören. Bis fast Ende des Jahres wird die Saphir die Ostküste der USA besegeln.

Ausreisen aus den Bahamas geht ganz leicht: man segelt einfach weiter und schickt, sobald man im neuen Land angekommen ist einfach per Post die Papiere an das bahamische Zoll- und Einreiseministerium. Gut, dass wir das nicht gemacht haben!

Als wir Freitagnachmittags in Ft. Lauderdale ankamen sind wir sofort per Taxi (50$) zum Zoll und zur Immigrationbehörde gefahren. Die Amerikaner werden sehr pampig, wenn man das nicht macht. Dort geht die Unterhaltung so:

„Did you already register upon your arrival?“

„No, we just arrived and want to register here and now“

„You cannot register here. First you have to call this number: 0800…“

„We cannot call this number because we have non-US SIM Cards“

„Ok, you can register via the following app (NAME)“

„We have no internet connection yet, because we just arrived“

„I am sorry, but you have to register first, then we can proceed“

„But it is not possible to do that for us because we cannot call an 800-number in the US nor download an app since we have no internet connection. Can we use your WLAN?“

„Sorry, but we can not give you the access. Please register and please, step back from the window“

Das ging so noch eine ganze Zeit hin und her. Die Dame wollte uns einfach nicht helfen.

Doch es gibt auch die guten Menschen. Der ‚Kunde‘ hinter uns, ein Amerikaner, hat das alles mitgehört und bot uns dann an, sein Telefon zu benutzen. Das machten wir.

Wenn man diese Nummer anruft, ist es wie bei der Deutschen Telekom. Es ist eine peinliche Endloswarteschleife. Nach über 20 Minuten Warten hatten wir endlich diese Registriernummer. Und danach ging alles problemlos. Nur nochmals die gleichen Daten die wir telefonisch bereits durchgegeben haben jetzt der Dame mitteilen und wir hatten den Stempel im Pass.

Jetzt zum Zoll. Der hatte nun leider geschlossen und wir mussten wohl oder übel am folgenden Montag nochmals hin.

Montags nahmen wir die Fahrräder. Brüllende Hitze, komplizierter Weg, 6-spurige Straßen, breite und schnelle SUV für die Radfahrer Aliens sind.

Beim Zoll legen wir die Papiere vor: Registrierung und Versicherung. Der Herr ist sehr freundlich und fragt nach den bahamischen Papieren. Die haben wir nicht dabei. Sie sind auf der Saphir. Eigentlich wollten wir sie längst auf die Bahamas schicken…

Ufff, nochmals 40 Minuten mit dem Rad zur Saphir und wieder zurück. Das willst du nicht.

Doch es gibt auch die guten Menschen. Ein italienisches Seglerpaar bekommt die ganze Geschichte mit und bietet an uns mit ihrem Auto hin zu fahren. Wir nehmen an. Am Ende fahren sie für uns 1,5 Stunden durch die Gegend. Unglaublich! Die Frau sagt, dass sie vor einigen Jahren einen Skiunfall hatte und Hilfe von einer Person bekam, die sie weit zu einer Klinik fuhr. Diese Person damals wollte keine Entschädigung sondern bat die Seglerdame, dasselbe zu tun, wenn sie mal jemand anderes helfen kann. Wir haben das Prinzip sehr gerne übernommen und werden, wenn sich die Gelegenheit bietet dasselbe tun.

Wir sind also seit gut zwei Wochen offiziell in den USA, mit allen Stempeln und einem einjährigen Cruising Permit.

Doch seit wir in Ft. Lauderdale angekommen sind ist alles anders. Jeden Tag gibt es heftige Gewitter, mehrmals am Tag, mit massig Regen. Die Luft ist extrem warm und feucht -immer über 30° und 90%. Wie soll man da weiter segeln? Ein 22 m Metall-Mast auf hoher See ist die beste Methode Blitze einzufangen und die gesamte Elektronik lahmzulegen – oder sich ein großes Loch in den Rumpf zu brennen.

Wir verschieben unsere Abreise um einen Tag. Eine gute Entscheidung, denn die Gewitter waren sehr heftig. Doch irgendwann musst du los.

Anfangs ging es super. Der Golfstrom schenkte uns noch einige Knoten und wir machten gut Strecke, zeitweise waren wir mit bis zu 10 Knoten über Grund unterwegs.

Dann, am frühen Abend die erste Front. Ausweichen geht nicht, also am besten vierkant durch. Das dauert 20-30 Minuten wenn man ihr entgegenfährt. Vorher kommen Handfunke, SAT-Telefon, IPad mini und beide IPhones in den Dampfkochtopf, größere PC etc. in den Backofen.

Wenn die Front näher kommt, spürt man erst einen kalten Hauch und dann, innerhalb von Sekunden heult der Wind auf (meist auf über 40 kn) und er dreht um 90° im Uhrzeigersinn. Man ist also besser gut gerefft oder hat die Segel ganz unten.

Letztlich hatten wir auf dem Törn von Ft. Lauderdale nach Beaufort die ganze Zeit 20-30 kn Wind, ziemlich hohe Wellen und jeden Tag eine mächtige unausweichliche Gewitterfront. Essen fiel aus, man musste sich immer mit zwei Händen festhalten wenn man sich auf dem Schiff bewegen wollte. Pfirsiche, Bananen, Birnen, Chips, das ging.

Wir waren ziemlich froh als wir nach drei und einer halben Nacht hier ankamen und brauchten erstmal Erholung. Nochmals so ein Törn – nur wenn er sich unter gar keinen Umständen vermeiden lässt.

Jetzt haben wir Cape Hatteras vor uns. Die Umrundung dauert 50-60 Stunden. Dort stoßen der warme Golfstrom und der kalte Labradorstrom zusammen. Die Gegend wird auch der Schiffsfriedhof des Atlantik genannt, 6000 Wracks.

Diesmal werden wir das Wetterfenster sehr genau studieren und abwarten bis es sicher kommt.

Beaufort wurde zur schönsten amerikanischen Kleinstadt gewählt. Und in der Tat, hier kann man es gut ein paar Tage aushalten.