Die Saphir in Seenot

Am 10. Januar morgens um Punkt 11 Uhr laufen wir aus der Marina Santa Cruz de Tenerife aus. Wir sind bestens vorbereitet. Der Wetterbericht ist 100 mal studiert und wir erwarten für die gesamte Überfahrt von ca 6 Tagen beste Voraussetzungen: 15-25 kn Wind „von hinten“, 2-3 m hohe, doch schön lange Atlantikwelle, zunächst noch nicht wie erhofft ebenfalls „von hinten“, aber einen Tag später erwarten wir auch das. Das alles verspricht Segelgenuss pur!

Die Saphir ist gründlich überprüft, alles Systeme sind im grünen Bereich, die Gefriertruhe ist randvoll mit bestem und vor allem Wellen geeigneten Essen.

Über die Temperatur sind wir dann doch etwas überrascht. Tagsüber, mit Sonnenschein kann man genießen, doch nachts ist es bitter kalt und zugig. Drei Lagen Kleidung, von deren Art wir viel zu wenig dabei haben, schließlich sind wir auf dem Weg in die Karibik, und darüber die Schwerwetterkleidung (Offshore!). Nachts ist es stockdunkel, der Mond geht erst am frühen Morgen auf und hat nur eine kleine Sichel. Dafür haben wir aber einen grandiosen Sternenhimmel.

Wir gewöhnen uns an den Wachrhythmus, ab 20 Uhr alle 3 Stunden wechseln wir uns ab. Katrin nutzt die Zeit ihrer Wache sogar zum Arbeiten.

Seglerisch werden wir immer besser: Wir steigern unsere Etmale (= Distanz, die man in 24 Stunden zurücklegt) von 147 sm (x1,8=km) auf 174. Die Saphir segelt über weite Strecken Höchstgeschwindigkeit. Und wir sind ganz euphorisch über die zu erwartende sagenhaft schnelle Gesamtüberfahrt.

So geht das gut voran, wie am Schnürchen. Wir spulen 645 von am Ende 873 sm ab. Dann, am Morgen gegen 9.30 Uhr des vierten Tages auf See geschieht etwas Schwerwiegendes und ausgesprochen Dämliches. Wir sind beide auf, genießen nach der kalten Nacht die wärmende Sonne im Cockpit sitzend, als plötzlich in einer größeren Welle unser „Spießer“-Sitz, ein Klappsitz, der normalerweise das Sitzen an Bord sehr bequem macht, seinen Platz verlässt und zwischen Steuerrad und Lenksäule rutscht. Sofort wird das Steuerrad blockiert. (Siehe nachgestelltes Foto). Unser dritter Mann, der Autopilot arbeitet mit größter Kraft gegen an, was ihm natürlich nicht gelingt. Obwohl wir sofort reagieren, wir sitzen ja gleich daneben, stellen wir einen Schaden fest.

Nachdem wir unseren Ersatz-Autopiloten starten vernehmen wir deutliche Knackgeräusche, einmal direkt hinter dem Steuerrad und zum anderen aus der Achterkabine direkt unter unserem Bett, also da wo die gesamte Lenkmechanik ankommt und auch unser Autopilot angebracht ist. Auf See ist es uns unmöglich den wahren Fehler zu finden – zu viel Wind und zu viel Welle. Es besteht die reale Gefahr, dass unsere Steuerung insgesamt ausfällt. Die Knackgeräusche „klingen“ wie Messerstiche ins Herz.

Nach kurzer Beratung einigen wir uns auf folgende Strategie: Schnellster und direktester Weg nach Mindelo (Kapverden). Leider wird das unter Segel nicht möglich sein, denn dann hätten wir anstatt den direkten 220 sm wohl noch 260-270 sm. 40-50 sm bedeuten ca. 8 Stunden mehr. Wenn wir motoren kommen wir vielleicht mit 33 Stunden hin, also ein echter Zeitgewinn.

Etwas bange reisen wir weiter. Die Knackgeräuschen klingen scheußlich. Auch merken wir, dass auch der zweite Autopilot Schwierigkeiten hat Kurs zu halten. Aber er schlägt sich tapfer, macht zwar großeAusschläge aber unter dem Strich geht es in die richtige Richtung. Wir hoffen damit bis nach Mindelo zu kommen. Ein kurzer Test mit der Handsteuerung zeigt leider, dass dies gar nicht möglich ist. Doch wir trauen uns zu, dass wir auch mit dem Autopiloten in die Marina einfahren können, wenn uns dort einer mit einem Schlauchboot und 15 PS zu Hilfe kommt.

Diese Hilfe versuchen wir zu organisieren. Doch zunächst kaufen wir nochmals 75 Minuten Satellitentelefonzeit (man weiß ja nie). Die Marina Mindelo kann uns nicht helfen, gibt uns aber eine andere Nummer. Wir versuchen die Seenotrettung, niemand geht ans Telefon. Wir versuchen das Maritime Rescue Coordination Center in Bremen. Tatsächlich wird sofort abgenommen, aber: „Kapverden, oh, das ist schwierig“. Es braucht 20 Telefonate mit unterschiedlichen Ansprechpartner, zum Teil auch, weil wir in Englisch nicht weiterkommen. Am Ende bietet sich einer an zur Seenotrettung zu laufen und sie zu informieren. Das klappt. Also die SAR (Search and Rescue) hat uns ab nun im Blick. Sie können uns bei Annäherung an die Insel über das AIS (siehe früherer Block) orten und verfolgen. Das alles beruhigt uns etwas.

Doch die Einfahrt nach Mindelo wird durch einen Kanal zwischen zwei Inseln sein. Der ist bekannt für sein für rauhes Wetter: Eine Düse für Windböen bis 50 kn (Sturm!) und sehr hohen Wellen. Und, wir werden die ca. 5 sm bei Nacht durchstehen müssen. Da kann einem schon ein kleines bisschen bange werden. Aber unser Autopilot schlägt sich weiterhin sehr wacker.

Sicherheitshalber schaffen wir alle Matratzen in die Vorderkabine und installieren die Notpinne. Das ist ein kurzer Hebelarm, der direkt auf die Achse des Ruderblattes wirkt. Diese Notpinne bedient man auf dem Bettrost liegend, ohne Sicht nach irgendwo. Man ist blind. Aber mit einer Seekarte auf dem iPad, die auch GPS-gekoppelt die Fahrtrichtung angibt, „sieht“ man ein bisschen: Instrumentennavigation. (Siehe nachgestelltes Foto). Während ich unten liege und steuere, wäre Katrin meine Augen und könnte mir durch das offene Achterluk zurufen, wenn ein Hindernis (Horror, ein anderes Boot mit Vorfahrtsrecht) käme. Es würde hart, aber wir sind zuversichtlich selbst das zu schaffen.

Zum Eingang in den Kanal kommt es dann hart. Unsere Steuerung gibt den Geist auf und wir beginnen zu treiben. Mit dem Starkwind Richtung Ufer. Zwei Meilen Abstand haben wir noch, also genug Zeit das vorbereitete Notprogramm abzufahren. Ich gehe runter zur Notpinne und „übe“ erst mal ein bisschen die Steuerung. Nach und nach klappt es und ich bin mir sicher, dass wir es bis in die ruhige Bucht abschaffen werden. Es ist allerdings sehr anstrengend, in voller Montur da unten zu liegen, kein Wind zu spüren, alles ruhig, auch die Wellen sind nicht wirklich auszumachen. Ganz anders bei Katrin, die oben im Cockpit ist. Sie ruft per VHF die SAR und diese machen sich auf den Weg uns abzufangen und ins Schlepptau zu nehmen. Sie gibt uns unsere Position durch, doch es dauert ewig bis sie uns finden, denn nach den 30 Minuten die sie von ihrem Stützpunkt bis zum uns brauchen hat sich unsere Position um 2-3 sm verschoben. Im Cockpit herrscht Ausnahmezustand, der Wind hat zugenommen auf über 30 kn aber die Wellen sind schlimmer, 4-5 m. Schlimmer deshalb, weil meine Steuerkünste nicht ausreichen die Saphir immer in die gleiche Richtung zu steuern. In Schlangenlinien geht es hin und her, mit der Welle, parallel zur Welle, gegen die Welle. Besonders übel ist es, wenn wir parallel zur Welle sind, dann schlägt das Wasser über die Bordwand. Das Achterluk ist offen, weil Katrin und ich sonst nicht kommunizieren können. Dadurch übernehmen wir Wasser in die Achterkabine. Gut, dass die Matratzen in Sicherheit sind.

Das ganze geht 4-5 sm, dann endlich hängen wir am Abschleppseil des SAR Bootes. Die Jungs sind richtig gut drauf und wir wissen, dass wir es geschafft haben. Sie schleppen uns bis zum Anleger-Ponton der Marina. Gegen 21.30 Uhr liegen wir erschöpft und in völliger Sicherheit am Panton der Marina Mindelo.

10 Gedanken zu “Die Saphir in Seenot

  1. Gott sei Dank seid Ihr wohlauf!!!! Mir wurde selbst beim Lesen mulmig!!!

  2. Gut Güte! Sind wir froh, dass ihr beiden da heil rausgekommen seid! Dem Ersatzteillieferanten wünschen wir Rückenwind!

  3. Isabel Trautwein

    Ui! Gratuliere Euch zu echt super Teamwork.

  4. Heidy Berchtold

    Oh je. Das Rote Meer ist doch pflegeleichter! Super, wie ihr das geschafft habt! Wir gratulieren und sind froh, dass es euch gut geht! Weiter so, aber mit einsatzfähiger Saphir! Alles Gute! Wir trinken auf eine glücklichere Weiterfahrt! Günther und Heidy

  5. Dauner, Thomas

    Hallo ihr Lieben,

    Wir sind froh, dass es euch gut geht.

    Echt Wahnsinn wie ein einziges ungeschicktes Ding eine gute Planung wegfegt und die Reise fast zur Katastrophe machen kann.

    Hoffe eure Schäden am Schiff sind nicht zu groß und die Weiterreise wird deutlich entspannter.

    Passt gut auf euch auf.

    Liebe Grüße, Tom

  6. Schock! Aber gut, dass Ihr das so besonnen gemeistert habt. Die allerbesten Wünsche für die Reparatur und eine gute und sichere Weiterreise.
    Ralf

  7. Lutz Schirmer

    Erst gestern hatte ich Euren ersten Block mit den Sicherheitsvorkehrungen gelesen und fand, dass ihr wirklich alles getan habt, was möglich ist um vor allen Eventualitäten gewappnet zu sein. Doch trotz aller Vorkehrung kann man dann doch in Seennot geraten und zum Glück waren die Kapverden in der Nähe. Euer packender Bericht hat das anschaulich gezeigt. Jetzt wünsche ich Euch, dass das Boot schnell wieder Seeklar wird und ihr eine gute Weiterreise habt. Ich bin gespannt wie es weiter geht!

  8. Liebe K2,
    euer ausführlicher Bericht der Ereignisse nach dem Ausfall der Ruderanlage hat mich den Ernst und die Dramatik richtig mitfühlen lassen. Muss schlimm gewesen sein, aber toll, wie ihr das gemeistert habt. Chapeau !!!
    Ich wünsche euch eine schnelle und vor allem professionelle Reparatur der Anlage. Den größeren Teil der Reise habt ihr schließlich noch vor euch.
    Good luck und alles Gute,
    Lothar

  9. Liebe Katrin, lieber Klaus,

    da schlägt einem selbst als Leser in der warmen Stube das Herz höher. Gut, dass Ihr so gut vorbereitet wart und den Weg in die Karibik über die Kap Verden Route geplant habt, und nicht direkt von den Kanaren.

    Viel Glück weiterhin und schnelle Reparatur.

    Theo

  10. Liebste K2,

    mit jeder Zeile mehr bei euch gewesen !! Top gemeistert, Respekt !! Bin mir sicher, dass ihr erst mal tief Luft holen musstet !!!!! Hoffentlich gelingt eine baldige Reparatur der Saphir und eures Gemütszustandes .. ?! Auf hoffentlich kleinere Kaventsmänner für die Reststrecke über den „Grossen Teich“ ….

    Ahoi, Sven & Susi

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