Transatlantik: Horizontsucht

Wir sind rüber! Von den Kapverden/Mindelo nach Barbados/Bridgetown. Insgesamt 2025 sm (= 3640km), wenn man super direkt geht. Leider muss man wegen der Windverhältnisse einen Umweg machen. Für uns waren das 27 sm, ziemlich wenig in Anbetracht der Gesamtdistanz. Wir brauchten dafür genau 13 Tage und Nächte und 30 Minuten. Das ist eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,6 Knoten (= 11,8 km/h). The sea teaches you to be slow. Soweit die Statistik.

Mal wieder waren wir bestens vorbereitet, eine gut gefüllte Gefriertruhe. In Anbetracht von ca. 300.000 Mal Hin-und-Her-Rollen wollten wir kochtechnisch nicht zu ehrgeizig sein und haben deshalb umfangreich vorgekocht. Im Übrigen gab es jeden Tag frische Sprossen aus unserer mehrstöckigen Sprossenfarm. Aus Konservendosen zu leben oder jeden Tag Spagetti mit Tomatensoße ist bekanntlich unsere Sache nicht. Unterwegs gab es also allerbestes Essen, leider ohne einen einzigen Tropfen Wein. Der ist während des Segelns tabu.

Für die Freiwachen bauten wir uns ein kuscheliges Bett mit Schutz nach allen Seiten. Es war nur wenige Schritte vom Cockpit entfernt und wir konnten so jederzeit zwischen Cockpit und Bett kommunizieren. Einfach für den Fall der Fälle. Und das sollte sich bewähren.

Am Dienstag, 23. Januar 2018 11.00 Uhr legten wir in Mindelo ab. Am Tag davor hatten wir noch die zweite Genua in der zweiten Nut am Vorstag hochgezogen, sodass wir nun zwei große Vorsegel ineinander rollen konnten. Draußen, auch bei minimalem Wind ist das nicht mehr möglich. Der Rückbau leider auch nicht. Wir hatten natürlich ein wenig Bammel mit diesem Segelkonzept, aber die sogenannte Passatbesegelung hat sich seit vielen Jahren voll bewährt.

Schon nach wenigen hundert Metern konnten wir die beiden Genuas ausrollen und auf einer Seite segeln. Das Großsegel ließen wir erstmal eingerollt. Erstaunlich wie gut das ging. Die beiden Genuas schmiegten sich wie ein Liebespaar aneinander. Jede hatte ihre zwei Schoten und wir konnten beide bestens bedienen. Aber kurze Zeit später, draußen im Kanal zwischen Sao Vicente und Sao Antao, wo der Wind rauher wird und aus Nordost kommt mussten wir bereits unsere Vorsegel zu einer echten Passatbesegelung umbauen. Das war Premiere für uns.

Harte Arbeit bei gutem Wind und Welle. Dazu müssen zwei Bäume von gut 5,5 m Länge links und rechts ausgebracht und fixiert werden. Auf Englisch werden sie auch ‚widowmaker‘ genannt, weil sie öfter mal sehr schwungvoll unterwegs sind. Die Bäume werden durch drei Leinen nach vorne, nach hinten und nach oben gehalten, dazu kommen noch die 4 Schoten für die Segel, also eine Menge Taue, die man durcheinanderbringen konnte. Wir brauchten 1,5 Stunden um das alles das erste Mal zu bewerkstelligen. Und dann kam der Moment: Beide Genuas gleichzeitig ausrollen – 120 qm Segelfläche – und sehen was passiert. Es war genial! Die Saphir beschleunigte umgehend auf über 8 Knoten und ging wie Butter durch die Wellen. Und es sah einfach großartig aus! Wir wussten, dass wir ein gutes Segelkonzept hatten, das uns sicher über den Atlantik bringen würde. Und unsere beiden Vorsegel waren quasi stufenlos reffbar und innerhalb von 30 Sekunden ganz eingerollt.

Dann ließen wir unseren Hydrogenerator zu Wasser, nur um einmal mehr festzustellen, dass er keinen Strom produziert. Also von drei Stromquellen nur noch zwei, die funktionierten. Es wird wird einem ein bisschen bange, wenn solche Systeme ausfallen, denn es gab kein Zurück in die Marina mehr. Ohne Strom keine Navigation und kein Autopilot, kein Kühlschrank und keine Gefriertruhe…

Wir hatten sehr günstige Winde und die Saphir flog nur so über den Atlantik. Nach 6 Tagen hatten wir bereits die Hälfte und wir berechneten dauernd den neuen ETA (= expected time of arrival). 14-16 Tage hatten wir gerechnet, jetzt hatten wir Aussicht auf 12.

Wir haben die Hälfte der Strecke genau berechnet, exakt nach Längen- und Breitengrad, denn wegen der Umwege konnten wir nicht einfach die Wegstrecke halbieren. Ein rotes Kreuz auf unserem Navigationsmonitor. Gefeiert wurde das ‚Bergfest‘ mit Papa Negras, Avocadomuß, Iberico-Schinken (Rezept siehe früheren Block) und einer kleinen Flasche Bolli (Katrins Lieblingschampager Bollinger). Alles war im grünen Bereich und bis dato auch keine besondere Herausforderung.

In der zweiten Hälfte der Überquerung änderten sich die Windverhältnisse. Sie wurden schlechter. Wir hatten zweimal Flaute und motorten für ein paar Stunden (gut für die Batterieladung). Und der Wind drehte ab, sodass wir unsere Passatbäume wieder abbauen mussten und klassisch mit Groß- und (zwei) Genuas mit raumem Wind gegen Westen und teilweise Norden segelten. Zwei Tage später dann wieder der Rückbau. Segeln ist manchmal Arbeit, aber man hat ja sonst nichts zu tun.

Und dann kamen die Squalls. Das sind Regenschauer von größter Intensität bei wenig Sicht. Eine außer Rand und Band geratene Cumulus-Wolke, die zu viel Wasser geschluckt hat und abregnen muss. Das gefährliche an ihnen ist aber der Fallwind, der ihnen vorauseilt und bis zu 50 kn (= Sturmstärke) erreichen kann und häufig mit dramatisch schnellen Richtungsänderungen verbunden ist. Erst kommt ein kalter Wind (in der Regel von hinten) und man weiß in wenigen Minuten geht es los. Das gute ist, dass man mit Radar das alles gut vorhersehen und verfolgen kann. Insgesamt hatten wir Glück, denn wir konnten mit einfachen Squalls anfangen und die Technik einüben. Den ersten noch unter Motor, sicherheitshalber mit voll gerefften Segeln und die letzten professionell (Segel teilweise reffen, Autopilot auf Windsteuerung, dass er die Winddreher mitmacht, Niedergang dicht und runter in den Salon und warten bis alles vorbei ist). Der ganze Spuk ist meist nach 30-90 Minuten vorbei. Doch bei mehreren Squalls, leider meist bei Nacht, leidet die Schlafqualität. Auch die Freiwache hat dann Dienst.

Tja und dann kommt man einfach an – neuer Kontinent. Ende des Horizontes. 5. Februar 2018 um 8.30 h Ortszeit, genau 13 Tage und 30 Minuten nach dem Ablegen in Mindelo. Andere Welt, müde und trotzdem voller Adrenalin.

Und wie war’s? Langweilig, 13 Tage meist sitzend, wenig zu tun, aber sonst ganz ok.

5 Gedanken zu “Transatlantik: Horizontsucht

  1. Isabel Trautwein

    Welcome to America!! Bin so froh, dass alles gut ging!!!!!

  2. Super, herzlichen Glückwunsch!
    Da wir Ähnliches mit unserer Flora (HR 43 MK II) vorhaben und derzeit noch an unserem Energiemanagement- und Segelsetup feilen, saugen wir Eure tollen Erfahrungsberichte ganz besonders intensiv auf. 😉
    Zwei ziemlich ins Detail gehende Fragen hätte ich noch: Habt Ihr die zweite Genua aus leichterem Material machen lassen oder ist sie – vom Cross-cut abgesehen – völlig identisch?
    Habt Ihr für den zweiten Spibaum bzw. Ausbäumer einen zweiten Toppnant eingezogen oder löst Ihr das über einen Hahnepot?
    Liebe Grüße aus Hamburg und
    Handbreit
    Ralf

    • Hallo Ralf
      2. Genua ist aus dem gleichen Material. Die 2. ist auch Ersatz falls die erste ihren Geist auf gibt. Wichtig: Vorlieks müssen unbedingt gleich lang sein. Wir nehmen das Kutterfall als 2. Topnant. 2. Wiskerpole ist Teleskop. Weniger Platz an Deck, weil am Mast nur einer Platz hat. Schicke dir gerne Foto von der Deckmontage.
      Gerne weitere Fragen, aber besser per E-Mail.
      Watt&Sea Erfahrung für euch wichtig?
      nadler.klaus@breaking-rules.cc
      Wann geht es bei euch los?
      Grüße
      Klaus

  3. Dem hiesigen Winter entflohen. Angekommen in der Wärme. Toll, dass ihr die Überfahrt so bravourös hinbekommen habt. Herzlichen Glückwunsch !!!
    Herzliche Grüße
    Lothar

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